Sarah Alberti & Grischa Meyer

GIOVANNI ANSELMO: PARTICOLARE in Prenzlauer Berg /

ENDLICHKEIT DER FREIHEIT BERLIN 1990, 2021

A film by Sarah Alberti and Grischa Meyer with Giovanni Anselmo, Heiner Müller and Wulf Herzogenrath and film clips from „Die Endlichkeit der Freiheit“ by Heinz Peter Schwerfel for Artcore Film / Defa Dokumentarfilmstudio, 1991

 

Die Endlichkeit der Freiheit was an exhibition that took place in East and West Berlin just after the fall of the wall in September 1990. A group of international artists realized artworks on both sides of the former Berlin Wall. The art historian Sarah Alberti and graphic designer Grischa Meyer revisit the work of Giovanni Anselmo PARTICOLARE, which was installed in Meyer’s apartment near Arnswalder Platz. For the film within the frame of Die Balkone 2, the exhibition had been partially restaged , just before Meyers hads to leave the flat due to gentrification processes.

 

-Joanna Warsza

On the evening of August 31, 1990, the exhibition Die Endlichkeit der Freiheit opened at Stadtbad Prenzlauer Berg in Berlin, a unique and large-scale cultural-political project representing a geopolitical sea change; the fall of the Berlin wall. Over the summer months in 1990, international artists Giovanni Anselmo, Barbara Bloom, Christian Boltanski, Hans Haacke, Rebecca Horn, Ilya Kabakov, Jannis Kounellis, Via Lewandowsky, Mario Merz, Raffael Rheinsberg, and Krzysztof Wodiczko chose historical or seemingly banal locations in both eastern and western Berlin and loaded them with new content and new meaning from September 1–October 7, 1990. In addition to the special features of the places such as the Siegessäule, a house facade, or a decommissioned GDR border security watchtower, there was the historical moment of political upheaval, some of which was directly inscribed in the artists' contributions. At this time, when “the shakedown of the systems and blocs became particularly clear,” an international and artistic examination of the changed political situation in East and West should react to this process or try to influence it.

Giovanni Anselmo (*1934) fulfilled the contractual requirement of the two-part design but decided against public space and converted two interior rooms into a white cube: In East Berlin, he used the apartment of graphic designer Grischa Meyer, on the third floor of Pasteurstrasse 40 in the Prenzlauer Berg district. All furniture was removed from the room. The word “PARTICOLARE” was projected in white capital letters onto baseboards and walls, which literally became part of the work. The slide highlighted inconspicuous details and shone on visitors who stepped into the projection's beam. The work refers to the special political situation inscribed within it. 

The choice of the “urban nucleus” extends the work's universal legibility, especially in the context of the importance of private sphere in the German Democratic Republic: The longer the GDR existed, the more important the apartment in particular became for its people, as historian Adelheid von Salden described the phenomenon. In a world in which social interactions were strictly monitored, the private apartment served as the last refuge for individuality, dissenting opinions, and the formation of identities. Here, East Germans could live their religious beliefs, express their elevated social position through furniture and household items, and use western gifts and western media here. The apartment could be a parallel universe.

In 1990, Meyer was responsible for the exhibition’s graphic design and made his Prenzlauer Berg apartment available to Anselmo. With the art historian and journalist Sarah Alberti, who reconstructed the project as part of her doctoral thesis on the basis of archive material and interviews with eyewitnesses, he remembers the summer of 1990 at its original exhibition location. He lived in the apartment until the end of March 2021, and even 31 years later, drill holes are old proof of Anselmo's installation. The work, the exhibition title Die Endlichkeit der Freiheit, and the retreat into the apartment have all gained unexpected currency in the wake of the coronavirus pandemic. 

Text: Sarah Alberti

Translation: Kimberly Bradley

www.endlichkeitderfreiheit.de

/DE

Ein Film von Sarah Alberti und Grischa Meyer mit Giovanni Anselmo, Heiner Müller und Wulf Herzogenrath und Filmausschnitten aus „Die Endlichkeit der Freiheit“ von Heinz Peter Schwerfel für Artcore Film / Defa Dokumentarfilmstudio, 1991

Die Endlichkeit der Freiheit war eine Ausstellung, die kurz nach dem Mauerfall im September 1990 in Ost- und Westberlin stattfand. Eine Gruppe internationaler Künstler realisierte Kunstwerke auf beiden Seiten der ehemaligen Berliner Mauer. Kunsthistorikerin Sarah Alberti und Grafikdesigner Grischa Meyer besuchten erneut die Arbeit von Giovanni Anselmo PARTICOLARE, die in Meyers Wohnung in der Nähe des Arnswalder Platzes installiert wurde. Für den Film im Rahmen von Die Balkone 2 wurde die Ausstellung teilweise wieder aufgebaut kurz bevor Meyer die Wohnung aufgrund von Gentrifizierungsprozessen verlassen musste.

- Joanna Warsza

Am Abend des 31. August 1990 eröffnet im Stadtbad Prenzlauer Berg in Berlin das Ausstellungsprojekt „Die Endlichkeit der Freiheit“, ein einzigartiges Ausstellungs- wie kulturpolitisches Groß-Projekt der politischen Wendezeit. Internationale Künstler – Giovanni Anselmo, Barbara Bloom, Christian Boltanski, Hans Haacke, Rebecca Horn, Ilya Kabakov, Jannis Kounellis, Via Lewandowsky, Mario Merz, Raffael Rheinsberg und Krzysztof Wodiczko – hatten über die Sommermonate des Jahres 1990 geschichtsträchtige oder banal erscheinende Orte im Ost- wie Westteil der Stadt ausgesucht, um sie vom 1. September 1990 bis zum 7. Oktober 1990 mit anderen, neuen Inhalten aufzuladen. Zur Besonderheit der Orte – etwa der Siegessäule, einer Häuserfassade oder einem entfunktionalisierten Wachturm der DDR-Grenzsicherung – trat der historische Moment des politischen Umbruchs, der sich thematisch zum Teil direkt in die Beiträge der Künstler einschrieb. Zu dieser Zeit, da in der heutigen Bundeshauptstadt „die Erschütterung der Systeme und Blöcke besonders deutlich“ wurde, sollte eine internationale und künstlerische Auseinandersetzung mit der veränderten politischen Situation in Ost und West auf diesen Prozess reagieren oder versuchen, ihn zu beeinflussen.

Giovanni Anselmo (*1934) erfüllte zwar die vertragliche Vorgabe der Zweiteiligkeit, entschied sich jedoch gegen den öffentlichen Raum und funktionierte zwei Innenräume zum White Cube um: In Ost-Berlin nutzte er dafür die Wohnung des Grafikdesigners Grischa Meyer in der 3. Etage der Pasteurstraße 40 im Stadtteil Prenzlauer Berg. Alle Möbel wurden aus dem Zimmer geräumt. In weißen Versalien wurde das Wort PARTICOLARE auf Wände, Fußleisten projiziert, die im wahrsten Wortsinn Teil des Werkes wurden. Das Lichtbild traf auf unscheinbare Details und brach sich an den Besucher*innen, die in den Strahlengang der Projektion traten. Die Arbeit verweist auf die besondere politische Situation, die sich in diesen einschreibt. Die Wahl der „urbanen Keimzellen“ erweitert die universelle Lesbarkeit des Werkes insbesondere vor dem Hintergrund der Bedeutung des privaten Rückzugsraums in der DDR: Je älter die DDR wurde, desto wichtiger war für den Menschen insbesondere die Wohnung, beschrieb Adelheid von Salden das Phänomen. In einer Welt, in der soziale Interaktionen streng überwacht wurden, diente die Privatsphäre vielen Menschen als letzter Rückzugsraum für Individualität, abweichende Meinung und eigene Identitätsbildung. Hier konnte Religiösität gelebt, eine gehobene soziale Stellung anhand von Möbeln und Haushaltsgegenständen Ausdruck verleihen werden, hier konnten West-Geschenke und West-Medien benutzt werden. Die Privatwohnung, sie konnte Parallel-Universum sein.

Grischa Meyer verantworte 1990 das grafische Erscheinungsbild des Ausstellungsprojektes und stellte Giovanni Anselmo seine Privatwohnung im Prenzlauer Berg zur Verfügung. Gemeinsam mit der Kunsthistorikerin und Journalistin Sarah Alberti, die das Projekt im Rahmen ihrer Promotion anhand von Archivmaterialen und Zeitzeugeninterviews rekonstruiert hat, erinnert er sich am originalen Ausstellungsort an den Sommer 1990. Bis Ende März 2021 lebte er in der Wohnung, in der noch 31 Jahre später Bohrlöcher von Anselmos Installation zeugen. Dem Ausstellungstitel „Die Endlichkeit der Freiheit“ wie die Installation von Giovanni Anselmo kam im Zuge der Corona-Pandemie ungeahnte Aktualität zu, ebenso dem Rückzug in die Wohnung.

www.endlichkeitderfreiheit.de

Text Sarah Alberti

SARAH ALBERTI

is a journalist, curator and art historian based in Leipzig. As a freelance author, she works for MONOPOL – magazine for art and life, WELTKUNST, taz, Der Freitag, Freie Presse and Sächsische Zeitung as well as for artists and institutions. The subject of her doctoral thesis is art in public space using the example of the exhibition project Die Endlichkeit der Freiheit, which took place in summer 1990 as a direct reaction to the opening of the wall between East and West Berlin.

ist Journalistin, Kuratorin und Kunsthistorikerin in Leipzig. Als freie Autorin ist sie für MONOPOL - Magazin für Kunst und Leben, WELTKUNST, taz, die tageszeitung, Der Freitag, Freie Presse und Sächsische Zeitung sowie für Künstler:innen und Institutionen tätig. Gegenstand ihrer Promotion ist Kunst im öffentlichen Raum am Beispiel des Ausstellungsprojektes „Die Endlichkeit der Freiheit", das im Sommer 1990 als unmittelbare Reaktion auf die Maueröffnung in Ost- und Westberlin stattfand. 

GRISCHA MEYER

born in Berlin in 1950, worked as a bookseller, caricaturist, and designer for posters, books, and stage sets. He lives as a designer and author in Berlin Weißensee.

geboren 1950 in Berlin, arbeitete als Buchhändler, Karikaturist, Plakat- und Buchgestalter sowie Bühnenbildner und lebt als Gestalter und Autor in Berlin Weißensee.